Angelehnt an die "Sechs steilen Thesen" möchte ich hier folgende Gegenthese aufstellen:
Es ist genau eine These, von der im Rückwärtsgang Argumente gesucht wurden.
Nämlich die sechste der Thesen. Ausgehend von der Idee, daß die Parteien eine funktionierende Online-Plattform brauchen, werden die 5 Argumente vorher entwickelt. Das läßt sich relativ leicht begründen. Und zwar im Vorwärtsgang wie folgt:
These Nummer 1:
Onlinewahlkampf funktioniert nicht, weil es keinen Onlinewahlkampf gibt.
Antwort Nummer 1:
Das ist - wie der besprochene Onlinewahlkampf auch - zu kurz gedacht. Wahlkampf hat zunächst nichts mit Plattform, Ort oder ähnlichem zu tun. Im Wahlkampf wird um die Wahl gekämpft. Oder genauer: um das Ergebnis der Wahl. Dabei sind (fast) alle Mittel erlaubt. Mit einigen Quellen für Grenzen:
Ich denke, es ist klar, worauf ich hinaus will. Es geht um Inhalte und ums Überzeugen. Wo und wie die vermittelt werden, ist Sache des Inhalt-Senders. Daraus folgt, daß Online-Wahlkampf möglich ist.
These Nummer 2:
Eine gute Onlinepräsenz dient vor allem der Aktivierung der eigenen Anhänger und weniger der Überzeugung von Wählern.
Antwort Nummer 2:
Hier ergeben sich zwei mögliche Antworten: zunächst: jeder Wähler muß immer aufs neue überzeugt werden. Der eine mehr, der andere weniger. Aber unsere Wahlforscher stellen seit Jahren einen sinkenden Anteil der Stammwähler fest, der Anteil derer, um deren Stimme man nicht werben muß, sinkt also.
Die zweite Antwort: gerade jüngeren Menschen wird immer wieder eine hohe Netzaffinität unterstellt. Im Internet ist viel Wissen verfügbar und vieles wird vernetzt. Gerade in Zeiten von Wahlen halte ich das Internet für eine weitangelegte Quelle für Politisches. Nicht zuletzt die von den Parteien im und für das Internet generierten Inhalte. Interessierte Wähler sind garantiert willens, sich online über Partei- und Wahlprogramme zu informieren. Wieso sollte ich mich von Inhalten, die ich Online finde, nicht überzeugen lassen, wenn ich Wechselwähler bin? Damit fällt auch diese These durch.
These Nummer 3:
1000 Tweets nicht ein einziges Gespräch mit dem Bürger am Wahlstand oder den Eindruck auf Veranstaltungen ersetzen können.
Antwort Nummer 3:
Twittern ist nicht die einzige Form von Online-Wahlkampf. Spontan fallen mir Newsletter via eMail, Newsticker via RSS, Blogs und Chats als weiter Form ein. Wenn man nicht den Anspruch erhebt, mit dem Spitzenkandidaten zu chatten, sondern ehrlich zugibt, daß man jemand ist, der für die vom Spitzenkandidaten vertretenen Werte (größtenteils) eintritt, dann kann hier zusätzlich zur ausgehenden Ein-Weg-Kommunikation eine Zwei- oder Mehr-Wege-Kommunikation entstehen. Es muß nicht immer nur der Spitzenkandidat sein.
These Nummer 4:
Ein Tweet reicht, um zu verlieren, genau wie schlechte Politik.
Antwort Nummer 4:
Diese These ist ähnlich gefährlich, wie die Annahme, daß man schon auf der Türschwelle stolpern, stürzen und sterben kann. Wer nicht vor die Tür geht, kann auch zu Hause durch einen Stromschlag sterben. Im Wahlkampf kann man das Risiko nicht minimieren, so gerne man würde. Jede Aussage ist gefährlich, weil sie fehleranfällig ist, aber deshalb ein Medium nicht zu nutzen, daß einem Aussagen ermöglicht, ist der falsche Weg. Ein verantwortungsbewußter Umgang mit Online-Medien ist nicht gefährlicher, als der Wahlkampf auf der Straße oder mit Werbesendungen. Und ob man sich mit Tweets oder SMS in die Nesseln setzt, ist letztendlich auch egal.
These Nummer 5:
Sollten Parteien zuerst das meist unterschätzte Tool des Internets nutzen: Das permanente Zuhören, bevor sie am meist überschätzten Tool des Internets scheitern: Dem permanenten Dialog.
Antwort Nummer 5:
Diese These gilt nicht nur für das Internet. Parteien scheitern permanent daran, daß sie die Stimme des "einfachen" Wählers nicht aus dem Sturm des Lobbyismus trennen können. Konsequenterweise scheitern sie am Dialog mit dem Wähler. Auch das ist kein Phänomen des Internets, sondern der Parteien.
Nicht zuletzt bleibt die Antwort auf These Nummer 6
Zum Zuhören brauchen die Parteien eine dauerhafte, kampagnenunabhängige Internetpräsenz, über die sie zuerst glaubhaft und transparent informieren und dann endlich echte Diskussionen und offene Gespräche zulassen.
Antwort Nummer 6:
Wenn wir Internetpräsenz durch Präsenz ersetzen, kann ich dieser These uneingeschränkt zustimmen. Denn Kommuninkation funktioniert nicht nur im Internet, sondern im Ortsverband, im Büro des Abgeordneten, auf Parteitagen, in Zeitungen, auf der Straße,.... Solange Politiker aber so sehr damit beschäftigt sind, ihre Pfründe und ihre Macht zu sichern, sehen sie hinter jedem, der mit ihnen redet einen potentiellen Konkurrenten und stufen seine Sorgen, Aussagen und Vorschläge entsprechend ein. In diesem Umfeld funktioniert es nicht, sich um die Belange des Bürgers zu kümmern.